Rundbrief

Wir sind ständig dabei, uns mit anderen zu identifizieren
 
Liebe Freundin, lieber Freund,
liebe Freundin, lieber Freund aus den verschiedenen Nationalitäten,
liebe Schwestern und Brüder auf den ökumenischen Weg der Versöhnung,
 
amerikanische Western sind meist nach einem sehr einfachen Muster gestrickt. Auf der einen Seite sind die Bösen, die zu allen Schandtaten bereit sind. Sie rauben, morden und brandschatzen. Auf der anderen Seite sind die Guten, der Sheriff oder die Leute, die für die Gerechtigkeit kämpfen. Es ist nicht schwer herauszufinden, auf welcher Seite man stehen soll. Natürlich sind wir auf der Seite der Guten! Oder überkommt Sie manchmal sonderbare Lust, auch einmal abgrundtief böse verdorben zu sein? Gleichgültig, welchen film oder auch welches Theaterstück wir sehen, wir sind ständig dabei, uns mit irgendeiner der Personen, die da handeln, zu identifizieren. Wie wäre es sonst zu erklären, dass Menschen im Kino sitzen und plötzlich reihenweise zu weinen beginnen? Nur dann geht uns etwas unter die Haut, wenn wir uns in einer der Personen wieder erkennen. Ich habe das Gleichnis vom verlorenen Sohn vor Augen. Können Sie mit einem der beiden Söhne, die darin charakterisiert werden, identifizieren? Können Sie sagen: " Ja, ähnlich ist es auch mir in meinem Leben ergangen? Da ist zunächst der jüngere Sohn. erkennen Sie sich in ihm? Vielleicht hielten auch sie es irgendwann zu Hause nicht mehr aus. Alles war Ihnen zu eng geworden. Da machten auch Sie sich auf und suchten das weite. Sie zogen in eine ferne Stadt, vielleicht sogar in ein fremdes Land. Dort lebten sie, was Sie für Freiheit hielten. Sie probierten einmal alles aus, was die große Welt zu bieten hat, und führten ein zügelloses, ausschweifendes Leben. Möglicherweise hatten sie kein Vermögen, das sie durchbringen konnten. aber das, was Sie von Ihren Eltern mitbekamen, haben sie gründlich verschleudert. Sie warfen alle Gebote und Normen über Bord. Selbst die Beziehungen zu Ihrer Familie brachen Sie ab, weil Sie sich sagte. Mit einem solch kleinkarierten bürgerlichen Milieu will ich keinen Kontakt mehr haben. Es könnte sein, dass sie noch heute auf diesem Standpunkt stehen. Es könnte aber auch sein, dass Sie irgendwann erkannten, in welchem Sumpf sie steckten. Es ging Ihnen mehr und mehr auf, dass Sie etwas aufgaben, das Ihr Leben trug. Wenn Sie in einem solchen Moment nicht zu stolz waren, kehrten Sie zu Ihren Eltern zurück und entdeckten auf ganz neue weise das, was Ihren Eltern einen festen Halt gab. Hatten Ihre Eltern jene geduldig abwartende Liebe, wie sie dem barmherzigen Vater zu eigen war, dann lernten Sie wahrscheinlich Ihre Eltern erneut schätzen. Oder können Sie sich eher dem älteren Sohn identifizieren? Dann würden Sie sagen. Ich bin immer brav gewesen. Stets habe ich getan, was meine Eltern von mir erwarteten. aber wenn ich ehrlich bin, muss ich zugeben, dass ich mit meinem Leben nicht zufrieden bin; denn ich habe es verpasst von ihnen  zu lösen und mein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Viele Menschen sind eifersüchtig, neidisch und misstrauisch, weil sie den verpassten Möglichkeiten nachtrauern. Einerseits waren sie zu ängstlich, einmal einem mutigen Schritt zu wagen; andererseits erkennen sie, wie eintönig ihr Leben verläuft, weil sie nie Höhen und Tiefen durchlebten. Die Erzählung vom verlorenen Sohn will uns allerdings keine Belehrungen darüber geben, wie sich Kinder ihren Eltern gegenüber zu verhalten haben. Sie ist vielmehr ein Gleichnis für unser Verhältnis zu Gott. So ist es möglich, dass ich eines Tages auf die Idee komme, ohne Gott auskommen zu können. Ich will mein eigener Herr sein. Wozu brauche ich Gebote und Normen? Mein Leben läuft viel besser, wenn ich mich dem Glauben, der Kirche und mit Gott nicht mehr beschäftige. Von hierher verstehen wir jene, die alldem endgültig Schluss machen. so treten jährlich Tausende aus der Kirche aus. Wird auch auf diese Weise Vermögen verschleudert? Unter dem hier gemeinten Vermögen verstehen wir alles, was wir von Gott bekommen haben. Dazu gehört zunächst unser Leben. nicht wenige treiben Raubau mit ihrer Gesundheit, indem sie ein zügelloses und ausschweifendes Leben führen. Auch unser Elternhaus gehört zu diesem Vermögen. Wer seinem Elternhaus einfach den Rücken zuwendet, der verschleudert etwas von dem Vermögen, von dem er leben sollte. Der wichtigste Teil des Vermögen ist die Zuneigung, die Gott uns schenkt. wer meint, er könne ohne sie auskommen, bemerkt meist nicht, auf was er verzichtet. Irgendwann gelangt er zu dem Punkt, an dem er sich nach dem Sinn seines Lebens fragt. Gut, wenn er bis dahin nicht vergessen hat, dass er einen Vater oder eine Mutter hat,  der oder die, die Arme offen hält und in Sehnsucht darauf wartet, dass er zu ihr oder ihm zurückkommt. Es wäre ein wirkliches Festmahl, für den, der zurückkehrt, und für den Vater oder der Mutter. Viele Christen sind nach meiner Beobachtung eher wie der ältere Bruder. niemals haben sie entscheidend gesündigt; niemals haben sie gewagt, sich von Gott zu entfernen. Obwohl sie wissen müssten, dass sie immer in der Liebe des Vaters oder der Mutter waren und es noch sind, lebt in ihnen der Neid gegenüber denen, die sich alles leisten und erlauben. Statt sich des Vermögens zu freuen, das ihnen der Vater oder auch die Mutter schenken, sehen sie nur, dass sie nie den Mut hatten " frei " zu werden. Gewiss kann man nicht sagen, Leute , geht zunächst einmal weg von Gott, tretet aus der Kirche aus! Wer aber nicht erkennt, was die Liebe Gottes bedeutet, weil er sie immer hatte, der ist eigentlich ärmer als jener, der erfahren musste, dass er ohne den Glauben und ohne die Liebe Gottes nicht leben kann.
 
Diese Erfahrung sollten wir alle mitnehmen, auf den ökumenischen Weg der Versöhnung für die Einheit der Christen.
 
Ihr und Euer der Kleine Bruder Ottmar des Benedikts